Bücher öffnen Horizonte: Die Kraft der Vorstellung
Als Lehrerin für Literatur und Mitbegründerin der Biblioteca Popular David Blanco engagiere ich mich seit über 14 Jahren gemeinsam mit meinem Team im argentinischen Mendoza dafür, Kindern in benachteiligten Lebenssituationen Zugang zu Büchern, Kultur und Gemeinschaft zu ermöglichen. Welch grosse Bedeutung diese Arbeit für die Kinder haben kann, erzähle ich Ihnen anlässlich des Weltkinderbuchtags in den nächsten Zeilen.
In den barrios (Vierteln), in denen wir arbeiten, gehören Armut, Unsicherheit, Drogenprobleme und Gewalt leider zum Alltag vieler Kinder. Viele Eltern waren selbst nie im Schulsystem oder haben die Primarschule nicht abgeschlossen. In diesem Umfeld bekommt folgende Aussage eine besondere Kraft: Wenn alles begrenzt scheint, wird die Möglichkeit, sich eine andere Realität vorzustellen, zum entscheidenden Werkzeug.
Bücher schaffen neue Welten
Für viele Kinder findet die erste Begegnung mit einem Buch nicht zu Hause oder in der Schule statt, sondern durch unsere Initiativen. Wir haben zum Beispiel damit begonnen, die Bücher mit einem Einkaufswagen direkt zu den Kindern zu bringen und gehen dafür von Tür für Tür. Die Kinder kommen neugierig zu uns, um zu sehen, was wir mitgebracht haben. Sie können interessante Bücher auswählen, darin blättern und zum ersten Mal erleben, dass Lesen etwas Lebendiges und Persönliches ist.
Lesen bedeutet nicht nur, Wörter zu verstehen. Es heisst, Geschichten zu entdecken, sich in Figuren wiederzufinden und Gefühle auszudrücken, für die man sonst keine Worte hätte. Es fördert Geduld, Konzentration, Staunen und die Fähigkeit, in Ruhe zu sein – Fähigkeiten, die in einem Umfeld voller Unsicherheit besonders wichtig sind.
Noch wichtiger ist die Vorstellungskraft, die Bücher eröffnen. Sie erlauben, andere Welten zu denken, neue Lebenswege zu sehen und die eigene Realität zu hinterfragen. Für Kinder, die in prekären Verhältnissen aufwachsen, ist die Fähigkeit zu träumen und sich eine andere Zukunft vorzustellen keine Nebensache. Sie ist ein Werkzeug, um nicht in begrenzten Mustern gefangen zu bleiben. Genau hier beginnt das Buch zu wirken. Es verändert nicht sofort die Umstände, aber es verändert die Art und Weise, wie das Kind die Welt sieht. Und diese veränderte Perspektive ist der erste Schritt, um den eigenen Weg zu gestalten.

Gemeinsames Engagement
Was mir besonders wichtig ist: Die Kinder lernen durch die Bücher und unsere Initiativen nicht nur etwas über Geschichten und Fantasie, sondern sie erfahren auch, wie viel erreicht werden kann, wenn Menschen gemeinsam etwas organisieren. Sie sehen, dass durch Zusammenarbeit, Engagement und Solidarität eine enorme Wirkung entstehen kann.
Unsere Bibliothek arbeitet aktuell in einem einfachen Container, doch sind wir auf der Suche nach besseren Räumen, in denen sie sich wohlfühlen, lernen, spielen und lesen können. Unsere Vision ist es, ihnen einen Ort zu schenken, der ihre Neugier weckt und ihre Kreativität fördert. Wir Frauen, die diese Organisation tragen, haben mehrere Jobs, um das Projekt überhaupt unterstützen zu können, und erhalten keine finanzielle Unterstützung von der Stadt. Um die Bibliothek zu finanzieren, organisieren wir verschiedene Aktionen wie Lotterien, die Herstellung von Konfitüren und andere kleine Projekte. Zusätzlich sind wir auf Spenden angewiesen, um Materialien, Bücher und Infrastruktur zu ermöglichen. Die Arbeit ist nur durch viel Engagement, Kreativität und Unterstützung möglich. Jede Hilfe, sei es Zeit, Wissen oder Material, macht einen echten Unterschied für die Kinder.
Das Team hinter diesem Projekt – ich eingeschlossen – arbeitet mit viel Engagement und wenig Ressourcen, um Kultur und Bildung dort verfügbar zu machen, wo sie sonst kaum ankommt. In Mendoza gibt es zudem viele weitere Bibliotheken und soziale Projekte, die dasselbe Ziel verfolgen: Kindern, die wenig Chancen haben, Literatur zu entdecken. Trotz knapper Mittel haben diese Initiativen oft einen tiefgreifenden Einfluss auf das Leben der Kinder.
Letztlich sind all diese Bemühungen Mittel zu etwas Grösserem. Denn das Entscheidende ist nicht nur, dass ein Kind ein Buch in den Händen hält, sondern was geschieht, wenn es dieses Buch öffnet. Es öffnet sich eine Geschichte – und gleichzeitig eine Möglichkeit. Ein Gedanke, ein Gefühl, eine Idee. Vielleicht sogar eine neue Sicht auf sich selbst. Deshalb sage ich immer wieder:
«Ein Buch verändert nicht von selbst die Realität. Aber es kann verändern, wie ein Kind sie versteht, sie sich vorstellt und mit ihr umgeht. Und mit diesem kleinen und zugleich enormen Wandel beginnt alles.»
Und wenn diese Veränderung einmal begonnen hat, ist nichts mehr wie zuvor.
Herzliche Grüsse aus Mendoza und allen einen schönen Weltkinderbuchtag
Georgina Bacchelli
Lehrerin für Literatur und Mitbegründerin
Biblioteca Popular David Blanco
Mendoza, Argentinien.