Seitenweise Schönheiten
Buchkünstlerisch besondere Ergebnisse werden jedes Jahr von der Stiftung Buchkunst prämiert. Gelten diese 24 ausgezeichneten «Schönsten deutschen Bücher» eigentlich als Ausnahmeartikel?
Bereits seit dem Jahr 1966 von der Stiftung Buchkunst mit der Intention organisiert, Buchgestaltung und Buchherstellung zu fördern, hat der Wettbewerb im Zeitalter der Digitalisierung eine neue Bedeutung. Beim jährlichen Wettbewerb wählen zwei Fachjurys in mehrstufigen Verfahren die 25 «Schönsten» aus. Vorbildlich in Ausführung, Konzeption und Verarbeitung, sollen sie Möglichkeiten in Gestaltung und Technologie sowie Strömungen der deutschen Buchproduktion aufzeigen.
Jeweils fünf Preisträger gibt es in jeder der fünf Kategorien literarischer Genres. Die prämierten Titel sind gleichzeitig für den mit 10 000 Euro dotierten «Preis der Stiftung Buchkunst» nominiert. Passend hierzu können Buchfans in regelmässigen (Wander-) Ausstellungen der Institution – an Branchentreffen, in Literaturhäusern und Buchhandlungen – über die sehr facettenreichen Ergebnisse des Wettbewerbs staunen.
Immer eine Einheit
Bevor es heute auf den Markt kommt, gilt bei jedem Buchprojekt sicher der Grundsatz, dass gestalterische Ausführung und Ausstattung sowie technische Veredelung und Verarbeitung eine Einheit bilden sollen. Bezüglich der von den Jurys prämierten Büchern gelte das Prinzip, «dass die gesamte Harmonie von Inhalt, Gestaltung und Herstellung ‚Hand in Hand‘ geht», weiss Carolin Blöink, Marketing- und PR-Expertin bei der Stiftung Buchkunst. Sämtliche Details bei den erscheinenden Werken würden von den Verlagen berücksichtigt, so zum Beispiel Optik und Haptik von Cover und Papier, Kapitalband- und Lesezeichenband-Farbe, Schrifthierarchie und Bildaufteilung nebst Seitenlayout, Druckqualität und Veredelung. Damit werde die «Emotionalität der Leserschaft auf verschiedenen Wegen angesteuert», erklärt Blöink.
Begeisternde Gestaltungen
Mitunter könnten selbst passionierte Buchfans den Eindruck gewinnen, dass es sich bei den ausgezeichneten Werken teilweise um eigens für den Wettbewerb geschaffene Bücher, gar um Experimente von Gestaltern und Herstellern handelt. Manche prämierte Titel erscheinen in aussergewöhnlichem Design – offengelegte, sichtbare Fadenheftungen, mehrseitige und ausklappbare Schutzumschläge, banderolierte Loseblatt-Sammlungen –, das für geplante oder impulsive Käufe ungeeignet erscheint. Die Stiftung Buchkunst legt da Widerspruch ein. Potenziell müssten keine Unterschiede zwischen den prämierten «Schönsten» und den Büchern im Handel bestehen. Insbesondere die prämierten Titel könnten im Handel auf sämtlichen Ebenen begeistern, «und bei ihnen geht es nicht um möglichst ‚viel‘ Experiment oder Ausstattung, sondern um eine angemessene Vermittlung des Inhalts an eine entsprechende Zielgruppe», erläutert die Expertin.
Häufig prägende Details
Gewöhnlich würden alleine Designdetails wie Farbgebung, Schriftwahl oder Satzspiegel die Gesamtwirkung des Werks beeinflussen. Gleichwohl lassen sich betreffs Veredelung, Verarbeitung und Konfektionierung typische Beispiele benennen: Demnach beweisen Young-Adult-Bücher mit viel Glamour und Glitter auf dem Cover die grosse Freude der Zielgruppe an Opulenz. Die Direktbedruckung von Hardcover-Bucheinbänden stellt eine neue und sehr attraktive Möglichkeit bei der Gestaltung dar. Der Buchfarbschnitt ist bei Belletristik kein seltenes Element mehr und lädt in der Leserschaft zudem zum Sammeln solcher Bücher ein. Bücher mit Layflat-Merkmal sind am Beispiel von Kochbüchern, Bildbänden und Fotobüchern oder Notenheften oftmals ein «Must-have». Einzelseiten oder Einzelbogen wie publizierte Liebesbriefe werden nicht klassisch gebunden, sondern einfach banderoliert. Bauchbinden um Bücher enthalten meistens Verlagswerbung, aber nicht selten nützliche weiterführende Information. Insgesamt sind die «Schönsten deutschen Bücher» keine Ausnahmen im Markt, sondern repräsentieren einen interessanten Querschnitt.
Frank Baier
Chefredaktion bindereport