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«Print hat für die junge Generation eine grosse Zukunftschance»


Panorama 3/19


Die Jugendlichen von heute lesen keine Bücher mehr? Falsch, sagt Dr. Christine Lötscher. «Das gedruckte Buch wird sich bei der jungen Generation gegen die digitale Konkurrenz behaupten können – wenn sich die Buchbranche auf ihre eigenen Qualitäten besinnt und innovativ bleibt.»
 

Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin forscht seit Jahren auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendmedien. Im Interview mit «Panorama» erläutert sie ihre für die grafische Branche ermutigenden Erkenntnisse.

«Panorama»: Können Sie sich erinnern, welches Buch Sie als Erstes gelesen haben?

Christine Lötscher: Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Als ich sehr jung war, hat mich das Lesen gar nicht so interessiert. Als kleines Kind wollte ich hören und hatte viele Leute, die mir Bücher vorlasen – meine Eltern, meine Grosseltern und meine Patin. Besonders das Kinderbuch «Heidi» faszinierte mich. Auch die Kindergärtnerin erzählte immer spannende Geschichten, so dass ich kein Bedürfnis verspürte, selber zu lesen. Während der Primarschule ging ich für anderthalb Jahre in die USA, weil mein Vater dort eine Ausbildung machte. Und erst dort begann ich – auf Englisch – selber zu lesen. Ich verschlang bestimmt 100 Bände Mädchen-Krimis, und es war für mich ein grosses Drama, dass ich diese nicht in die Schweiz mitnehmen konnte.

Wie wichtig war das (Vor-)Lesen von Büchern für Sie während Ihrer Jugendzeit?

In meiner Kindheit war das Vorlesen im Familienverbund ein ganz grosses Thema – ebenso wie das Hören von Kassetten, Hörbüchern und Hörspielen. Zudem hatte ich ein reiches Biotop an Kinderbüchern. Als Jugendliche bekam das Lesen dann für mich eine andere Bedeutung und wurde für mich wie eine eigene Welt. 

In welchem Alter wurden Sie von der Zuhörerin zur aktiven Leserin?

Als ich etwa zehn war, weil ich wie viele andere Kinder in diesem Alter wissen wollte, was in den Köpfen von anderen abläuft. So las ich – auf Englisch – viele Sachbücher über alte Kulturen wie die Ägypter und Azteken, aber auch viele Romane, die im alten Ägypten, im alten Rom oder bei den Indianern spielten. Andere Welten entdecken kann man nirgends besser, als wenn man liest. Man taucht in eine andere Welt hinein, die einen auch im Alltag begleitet. Nach meiner Rückkehr habe ich natürlich auch deutsche Bücher entdeckt und wahnsinnig viel gelesen. Lesen war das Wichtigste in meiner Jugend. Zu wissen, dass es ein Buch gibt, in das man jeden Tag zurückkann und in dem man die Welt mit seinem eigenen Rhythmus viel umfassender erlebt als sie der Alltag bietet, war für mich sehr wichtig. Das kann ausser dem Buch kein anderes Medium – höchstens ein Computerspiel.

Welche Bedeutung hat das Lesen von Büchern für die heutigen Jugendlichen?

Für Jugendliche, die gerne lesen, hat das Eintauchen in die Lektüre die gleiche Bedeutung wie für frühere Generationen. Sie erlaubt es, allmählich eine Welt im Kopf aufzufalten – im eigenen Tempo und mit viel Raum für eigene Gedanken. Ein Buch kann man jederzeit weglegen und sich vorstellen, wie die Geschichte weitergehen könnte und was ich nun machen würde, wenn ich eine der Figuren wäre. Beim Lesen ist man ganz bei sich selber und frei von seiner eigenen Alltagswelt. Auch das kann ausser dem Buch kein anderes Medium leisten.
 

Lesen Jugendliche heute weniger als früher?

In der Diskussion um den Rückgang des Lesens geraten oft zwei Dinge durcheinander. Denn lesen mussten Jugendliche noch nie so viel wie heute. Fast jede Tätigkeit am Computer verlangt, dass Texte gelesen werden. Wer ein Videospiel spielt, muss eine flotte Leserin sein. Wenn also beklagt wird, dass Jugendliche nicht mehr lesen, ist damit immer die Lektüre von Büchern, vor allem literarischer Texte, gemeint. Doch aus der jährlich erhobenen JIM-Studie über den medialen Alltag von Jugendlichen in Deutschland geht hervor, dass die Nutzung des gedruckten Buchs auch im Social-Media-Zeitalter stabil geblieben ist. Seit zwei Jahrzehnten lesen rund 40 Prozent der Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren regelmässig ein gedrucktes Buch.

Wie sind diese 40 Prozent in Relation zum Gebrauch der unterschiedlichen Printmedien und elektronischen Medien zu setzen?

97 Prozent der deutschsprachigen Jugendlichen zwischen 12 und 19 nutzen täglich das Internet. Der Wert für gedruckte Tageszeitungen beträgt mit 21 Prozent knapp die Hälfte der gedruckten Bücher. Bei den gedruckten Zeitschriften und Magazinen liegt er mit 14 Prozent noch tiefer. Interessant finde ich, dass die Jugendlichen die regionale Tageszeitung im Printbereich als am vertrauenswürdigsten empfinden. 

Sind Zeitungen und Zeitschriften bei den Jungen weniger populär als Bücher, weil News zunehmend online gelesen werden?

Ja. Mir fällt auf, ohne dass ich dies empirisch belegen könnte: Zeitungen (oder deren News-Portale) werden heute von Jugendlichen vorwiegend im Internet gelesen, weil deren oft mit Video unterlegten Formate ihre Interessen besser bedienen als das Durchlesen einer Zeitung oder eines Magazins. Deshalb ist für diese beiden Printsegmente eine ganze Generation am Wegbrechen, und der Altersdurchschnitt von Zeitungs- und Zeitschriftenlesern steigt.

Inwiefern spielt der Faktor Bildung beim Leseverhalten von Jugendlichen mit?

Man weiss (und das war schon immer so): Je gebildeter eine Familie ist, desto mehr lesen die Kinder – es ist also eine bildungspolitische Frage. Was man aber nicht vergessen darf: Man tut manchmal so, als ob in den 1950er-Jahren alle Jugendlichen gelesen hätten – was natürlich überhaupt nicht der Fall war. Während vieler Jahrhunderte hat nur eine gebildete Minderheit gelesen. Erst im 19. Jahrhundert vergrösserte sich die Zahl der Leser, aber auch damals war es nicht die grosse Masse. Bei aller Aufregung um aktuelle Leserzahlen darf man deshalb nicht so tun, als ob früher alle schön lesend zu Hause am Kaminfeuer gesessen hätten.

Welche Rolle spielen denn Bücher für Jugendliche im heutigen vielfältigen Medien-Mix?

Für die Jugendlichen sind Medienverbünde deshalb so faszinierend, weil sie eine Geschichte von allen Seiten kennenlernen wollen. In der Forschung über diese Medienverbunde sieht man, dass das Lesen gewisse Qualitäten aufweist, welche die anderen Medien nicht haben – beispielsweise sich in eine Figur hineinzuversetzen, was man bei einem Film nicht kann. In einem literarischen Text ist man frei, sich in die Köpfe anderer Figuren hineinzuversetzen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen und den Text in einem eigenen Rhythmus zu lesen. Ein Buch läuft nicht einfach wie ein Film ab, sondern man kann die Zeit selber bestimmen. Man ist die Chefin der eigenen Montage, kann langsamer, schneller und diagonal lesen, während ein Film einfach abläuft. Diese Qualitäten hat das Lesen – aber es benötigen sie nicht alle… 

…weil es schöne Geschichten auch auf elektronischen Kanälen gibt?

Ja, wenn jemand gerne Geschichten erzählt bekommt, dann ist man mit Netflix natürlich schon gut unterwegs. Das sehe ich auch bei meinen eigenen Kindern – zwei Mädchen, die beide gerne lesen. Sie bekommen tolle Geschichten über die verschiedenen Streaming-Dienste, Netflix-Serien und YouTube-Videos, in der sie ihre eigene Lebenswelt unmittelbar gespiegelt sehen und in denen YouTuberinnen aus ihrem Leben erzählen, was sie den ganzen Tag so machen. Diese Funktion hatte früher vielleicht auch das Lesen, doch heute können auch andere Medien Geschichten erzählen.
 
Das gedruckte Buch wird sich bei der jungen Generation gegen die digitale Konkurrenz behaupten können.
Dr. Christine Lötsche

Komplementär zum Lesen oder in zunehmendem Masse wichtiger als Lesen?

Ich würde sagen komplementär. So lesen viele Jugendliche Harry-Potter-Bücher, obwohl sie die Filme bereits gesehen haben. Oder lesen einen Roman, zu dem es auch ein Computerspiel gibt. 

Und wie holt man möglichst viele mit ins Bücher-Boot?

Wichtig scheint mir, dass diejenigen, die ein Bedürfnis nach dem Medium Buch haben, dieses entdecken können. Und da kommt natürlich der soziokulturelle Aspekt ins Spiel. Lesen ist nicht einfach, denn Literatur ist eine eigene Symbolwelt und kein Aneinanderreihen von Buchstaben. Man muss verstehen, wie eine Geschichte funktioniert. Das muss man lernen – und es ist anstrengend. Deshalb ist es wichtig, dass man es früh mit Büchern zu tun bekommt und es als Kind lernt. Jedes Kind müsste die Chance haben, diese geistige Welt zu entdecken.
 

Erkennen Sie auf dem Jugendbuch-Markt Trends?

Erstens läuft der Jugendbuch-Markt grundsätzlich gut. Und zweitens gibt es einen Trend, der die Maschinenhersteller für die grafische Industrie freuen dürfte: Der Bilderbuch-Markt – bei dem Apps interessanterweise nicht besonders gut funktionieren – floriert. Da sind die Verlage mutig und wagen in künstlerischer Hinsicht viel – sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Ich habe das Gefühl, dass die Digitalisierung die Aufmerksamkeit neu und verstärkt auf Bilderbücher richtet. Es gibt eine Reihe grossartiger Bilderbuchverlage, die sehr innovativ sind. Für grössere Kinder und Jugendliche sind auch Fantasy-Bücher ein Trend – ebenso wie Comics (Donald-Duck-Bücher sind ja mittlerweile Kult) und Graphic Novels (illustrierte Romane), weil solche Bücher vom Spannungsverhältnis zwischen Text und Bild leben.

Betrachten Sie digitale Medien grundsätzlich als Gift für gedruckte Medien?

Nein, das glaube ich nicht. Und man weiss ja mittlerweile aus vielen Studien, dass die Mediennutzung komplementär ist. Wie Umberto Eco und Jean-Claude Carrière in ihrem 2010 erschienenen Werk «Die grosse Zukunft des Buches» schreiben, gab es früher mal die Befürchtung, es würde sich niemand mehr Kathedralen anschauen, weil man deren Bilder nun in Büchern abgebildet finde. Doch das trat nicht ein – ebenso wie Theater oder Kino wegen des Fernsehens nicht verschwunden sind. Ich bin überzeugt, dass der Mensch ein Wesen ist, das sich je mehr freut, desto grösser das Medienangebot ist.

Stellen Sie in Ihrer Jugendmedien-Forschung einen Unterschied zwischen den Geschlechtern fest?

Es ist immer heikel, zu verallgemeinern. Aber tendenziell lesen junge Männer weniger gern, weil sie nach den unendlich langen Schultagen wohl Bewegung brauchen und es eine kulturelle Tradition ist, dass man sich im Spiel misst. Mädchen hingegen sind eher kompetitiv, wenn es um die Schule geht. Für sie ist die Schule das Hauptthema, sie sind eher erpicht auf gute Noten – und lesen deshalb mehr.

Analog zu TV-Sendungen sind auch viele Jugendromane Serien. Woher kommt das?

Das ist kein neues Phänomen. Gerade in einer Phase des Einübens von Lesekompetenz sind Serien ideal, weil sie den Einstieg in neue Bücher erleichtern: Vieles ist schon bekannt. Ich kenne Leserinnen, die noch mit 16 Fantasy-Serien verschlungen haben und jetzt Germanistik studieren.

Sie sprechen Fantasy an. Ein beträchtlicher Teil der Literatur für Jugendliche stammt aus diesem Genre. Wie erklären Sie sich das?

Die sogenannt realistische Literatur will die Jugendlichen oft belehren und zu besseren Menschen erziehen. Dagegen wehren sich diese, indem sie andere Bücher suchen – in denen man anhand der Konflikte der Figuren selbstständig über existenzielle Fragen nachdenken kann. Ein weiterer Grund für die Fantastik-Faszination: Es geht immer um die ganz grossen Fragen, Gut und Böse, Leben und Tod, Liebe und Leidenschaft. Das finden Erwachsene mitunter plakativ. Jugendliche aber wollen sich genau an diesen Themen abarbeiten. Man beobachte nur, wie Gespräche am Familientisch innert Minuten in Grundsatzdiskussionen münden. Und was Fantasy für Jugendliche auch so anziehend macht: Sie lernen dort etwas, aber die Erwachsenen kontrollieren es nicht.
 
Natürlich gibt es Online- und E-Comics. Aber ich glaube, dass gerade Comics – ebenso wie Graphic Novels – eine grosse Zukunft im Print haben.
Dr. Christine Lötscher

Sind die heutigen Fantasy-Bücher die Märchen von gestern?

Natürlich haben Märchen und Fantasy etwas miteinander zu tun. So bezieht Fantasy viel Material aus den Märchen. Und Märchen kann man ebenso wie Fantasy auf 1000 verschiedene Arten lesen.

Welche Rolle spielen die klassischen Märchen – Stichwort Brüder Grimm – für die heutigen Jugendlichen?

Ich beschäftige mich mit Märchen im Medienverbund, und stelle fest, dass viele Jugendliche die Märchen aus den Disney-Filmen kennen. Weniger bekannte Märchen von den Brüdern Grimm kennen sie hingegen kaum. Ob sie noch gelesen (oder vorgelesen) werden, hängt oft von den Eltern ab. Viele Märchen werden zudem – mit einfacheren Texten – erfolgreich in Bilderbücher für kleinere Kinder umgesetzt.

Unvermindert populär sind bei Kindern auch Comics. Sind diese mit ihrer Mischung aus Zeichnungen und Worthülsen und damit als leichte Muse des Lesens besonders printaffin?

Das würde ich schon so sagen. Natürlich gibt es Online- und E-Comics. Aber ich glaube, dass gerade Comics – ebenso wie Graphic Novels – eine grosse Zukunft im Print haben, und es gibt in diesem Bereich auch viele Neuerscheinungen. Wir leben ja in einer Welt, in der Text und Bild sehr wichtig sind. Comics sind ein gutes Medium, diese zwei Elemente zu vereinen. Es hiess mal, wir würden nun ins Zeitalter des Bildes kommen. Das stimmt zwar, aber gleichzeitig gibt es nach wie vor viel, das über Text läuft.

Als Forscherin lesen Sie ja berufsbedingt sehr viel. Der bekannte deutsche Neurologe Dr. Hans-Georg Häusel ist überzeugt, dass man aus Büchern besser lernen kann. «Print schneidet beim Textverständnis besser ab als ein elektronisches Medium», sagte er in einem «Panorama»-Interview. Stimmen Sie ihm – gerade auch mit Ihren Erfahrungen mit Studierenden – zu?

Aus meiner eigenen, rein persönlichen Erfahrung kann ich das nicht unbedingt bestätigen. Ich höre aber von vielen Studierenden, dass auf dem Tablet lesen noch geht, lesen am Bildschirm jedoch mühsam ist. Ich habe eher das Gefühl, dass es mit den Augen zu tun hat – dass es anstrengender ist, auf einen Bildschirm zu schauen. Was mich an Hans-Georg Häusels Aussage überzeugt: Wenn man einen Artikel in einem Buch liest, kann man blättern, viel einfacher ein paar Seiten zurückgehen und sich fragen, «was wollte die Autorin damit eigentlich sagen?» Das vereinfacht das Lesen in einem gedruckten Buch.
 

Und wie halten Sie es persönlich?

Ich lese wissenschaftliche Sachen immer am Computer, weil ich sie aus ökologischen Gründen nicht ausdrucken will. Wenn ich etwas als Open Access in der Bibliothek haben kann, drucke ich nicht 100 Seiten aus. Oder ich kaufe – wenn es das gibt – das gedruckte Buch oder leihe es in der Bibliothek aus. Weil es übersichtlicher ist, arbeite ich viel lieber mit Büchern. Man kann Zettel hineinkleben, während das gleichzeitige Lesen und Schreiben am Computer mühsamer ist. Ehrlicherweise gebe ich aber zu, dass das E-Book einen grossen Vorteil hat: Ich kann einen Suchbegriff eingeben und finde diesen schnell.

Stichwort Wissenschaft: Wie kommen Sie als Jugendmedien-Forscherin eigentlich zu Ihren Resultaten?

Ich arbeite nicht quantitativ, sondern literatur- und kulturwissenschaftlich. Das heisst, ich analysiere Bücher – beispielweise wie sind sie erzählt? Dazu stütze ich mich auch auf viele Forschungen anderer – so auf die JIM-Studie. Ich beschäftige mich auch mit dem Kinder- und Jugendbuchmarkt und versuche auf diesem Gebiet auf dem Laufenden zu bleiben. Ursprünglich bin ich Germanistin, aber ich betrachte nun, weil die ganze Medienwelt so ineinanderfliesst, die gesamte Medienkultur. Ich schaue mir Texte an, Filme, TV-Serien, versuche mich aber auch im YouTube-Feld etwas schlauzumachen. Ich untersuche aber nicht die Jugendlichen, die lesen, mache also keine empirische Leseforschung, sondern analysiere die Medien selber.

A propos Resultate: Jüngste Zahlen aus den USA und England belegen, dass der Anteil an E-Books rückläufig ist. Ist das auch bei Jugendlichen im deutschsprachigen Raum, in dem Sie vorwiegend forschen, so?

E-Books haben sich – wie übrigens auch bei den Erwachsenen – bei der jüngeren Generation im deutschsprachigen Raum nie durchgesetzt. In Deutschland betrug der Anteil E-Books bei Jugendlichen 2018 gemäss der JIM-Studie gerade mal 4 Prozent. Ich habe dazu auch ein typisches Beispiel aus unserer Familie: Meine beiden Töchter haben von den Grosseltern einen E-Reader geschenkt bekommen, doch die liegen zu Hause unbenutzt herum. Ich bin die Einzige in der Familie, die ein E-Book benutzt – für wissenschaftliche Zwecke.
 
Ich bin überzeugt, dass das Buch seine Eigenarten noch mehr entdecken wird. Ich denke dabei beispielsweise an hochwertige Kunstbücher oder Bilderbücher.
Dr. Christine Lötscher

Eine vor zwei Jahren in Grossbritannien verfasste Studie besagt, dass lediglich 8 Prozent der Eltern von Kindern bis 8 ihren Nachwuchs unbesorgt E-Books lesen lassen, während 80 Prozent Bedenken haben. Parallel dazu gibt es Zahlen aus den USA, wonach in den USA Eltern von Kindern wieder vermehrt gedruckte Bücher statt E-Books lesen. Lässt sich Ihrer Ansicht nach daraus ein Retro-Trend
in Richtung Print ablesen – und wenn ja: wie erklären Sie sich diesen? 


Im deutschsprachigen Raum – und hier unterscheidet er sich etwas von den USA – haben wir eine traditionelle bildungsbürgerliche Kultur. Viele Eltern wollen ihren Kindern die Möglichkeit geben, das Buch als Medium, als etwas Wertvolles und als altbewährten europäischen Wert zu entdecken. Weil sie das Gefühl haben, Buch sei mit Bildung verbunden – nicht nur wegen des Inhalts, sondern wegen des Buchs als Kulturgut. Für hochwertige Bücher sind Eltern und Grosseltern durchaus bereit, etwas tiefer in den Geldbeutel zu greifen. Ein Smartphone bekommen die meisten Kinder ohnehin früher oder später. Aber viele Eltern finden es gut, wenn sie nicht nur in den Bildschirm starren.

Welche Zukunftschancen geben Sie Print für die junge Generation?

Eine grosse! Print wird sich einpendeln und verliert – wie die vorhin erwähnten 40 Prozent bei den Jugendlichen zeigen – nicht überall an Boden. Ich bin überzeugt, dass das Buch seine Eigenarten noch mehr entdecken wird. Ich denke dabei beispielsweise an hochwertige Kunstbücher oder die bereits erwähnten Bilderbücher. Diese werden ihr Publikum nicht verlieren.
 

Sie sagen «hochwertige». Bedeutet dies, dass die grafische Branche Innovationen gerade im Buchbereich im Auge behalten muss?

Absolut. Und ich bin überzeugt, dass innovative Bücher eine viel grössere Zukunft haben als etwa solche, die sich an Netflix orientieren. Innovativ sind zum Beispiel Bilderbücher, die mit Text-Bild-Kompositionen oder Formaten spielen, oder Romane, die aus der Innensicht unterschiedlicher Figuren erzählt sind. Die Verlage würden einen grossen Fehler machen, wenn sie denken: «Die Jugendlichen lieben Netflix, also machen wir jetzt Netflix im Buch.» Das funktioniert so nicht, weil Literatur ganz andere mediale Möglichkeiten hat als Fernsehen und diese auch nutzen sollte. Es geht in der Literatur nicht nur um äussere Spannung, sondern vor allem um Empathie.

Wie erklären Sie sich dann, dass viele YouTuber so grosse Erfolge als Buchautoren haben?

Bei diesen Büchern geht es um die Personen, nicht um die Art des Erzählens. Die Jugendlichen schauen sich die YouTuber an, und wenn von diesen ein Buch erscheint, wollen sie es unbedingt lesen. Es funktioniert also über die Celebrity-Schiene – und ich finde es toll, wenn Jugendliche auf diesem Weg zu Büchern finden.

Dann erwarten Sie also, dass sich das gedruckte Buch gegen die digitale Konkurrenz wird behaupten können?

Zweifellos – wenn sich die Buchbranche auf ihre eigenen Qualitäten besinnt und innovativ bleibt.

Und welche Rolle spielt das Genuss-Lesen von Büchern neben dem beruflich bedingten Lesen für Sie heute?

Ich lese immer noch wahnsinnig gern. Mich am Abend hinzusetzen, konzentriert und an einem Stück ein Buch zu lesen, ist für mich immer noch etwas vom Schönsten. Im Moment lese ich gerade ein Genre namens «Nature Writing» – eine Art Reiseliteratur, bei der Autorinnen und Autoren über ihr Wandern in der Natur und über ihre Erfahrungen mit Tieren erzählen. Es gibt in der Literatur einen Trend, Fragen wie «Was haben wir für ein Innenleben?» und «Was ist um uns herum?» mit poetischer Sprache zu thematisieren – und das finde ich unglaublich spannend. Aber ich lese auch sehr gerne Krimis.
 
Die 49-jährige Schweizerin Dr. Christine Lötscher ist Privatdozentin für Populäre Literaturen und Medien an der Universität Zürich (Schweiz) und forscht mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien. Sie studierte Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft, Allgemeine Geschichte und Kirchengeschichte an der Universität Zürich und Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Sie war Kulturredaktorin beim «Tages-Anzeiger» (grösste abonnierte Schweizer Tageszeitung), freie Literaturkritikerin und Kulturjournalistin für mehrere Zeitungen, Radio- und TV-Stationen und ist (Co-)Autorin zahlreicher Bücher und Aufsätze über Kinder- und Jugendmedien.

Seit 2005 wissenschaftlich tätig, promovierte sie 2014 an der Universität Zürich zum Thema «Das Zauberbuch als Denkfigur. Lektüre, Medien und Wissen in zeitgenössischen Fantasy-Romanen für Jugendliche» (erschienen im Chronos Verlag, Zürich, 2014).