Das Corona-Retrofit rechnete sich
Um ihre Betriebssicherheit zu gewährleisten und sie für mindestens zehn weitere Jahre fit zu machen, unterzog Appl im Freistaat Bayern in Deutschland seine jüngste von drei Softcover-Linien Corona C15 einem Retrofit-Programm. Gestaffelt wurden erst am Kernbinder, dann am Dreischneider Orbit und schliesslich an der Zusammentragmaschine 3697 die Bedienpanels ausgetauscht – bei der ZTM zusätzlich auch der Hauptrechner.
Klebebinder sind die komplexesten Anlagen für die Herstellung von Printprodukten. Entsprechend wichtig ist ein perfektes Life Cycle Management – und zwar nicht nur für den Kernbinder, sondern auch für die Zusammentragmaschine, Bänder- und Kühlstrecken, Kühltürme, Dreischneider, Fräse und Stapler. Seit vielen Jahren in Betrieb stehende Softcover-Systeme rechtzeitig einem Retrofit zu unterziehen, ist nicht zuletzt wegen der zahlreichen Elektronik-Komponenten ein wichtiger Schritt, um die Betriebssicherheit zu gewährleisten und die Lebensdauer zu verlängern.
Wenn Bedienterminals abgekündigt werden
So können beispielsweise bei älteren Maschinen sowohl die Steuerung als auch der Frequenzumrichter und das Bedienterminal abgekündigt werden und sind bei den Lieferanten nicht mehr erhältlich. Im Falle eines Defekts oder Ausfalls können sie nicht mehr einfach ersetzt werden – es drohen Produktionsausfälle und lange Stillstandzeiten.
Um das zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Anlagen rechtzeitig einer Inspektion zu unterziehen. «Danach unterstützen wir den Kunden dabei, eine zukunftsgerichtete Perspektive für seine Produktion zu entwickeln», sagt Stefan Kocher, Product und Sales Manager Services bei Müller Martini. «Abgestimmt auf die individuelle Konfiguration der Kunden zeigen unsere Experten anhand eines umfassenden Live Cycle Managements auf, mit welchen Upgrades, Retrofits oder Ersatzteilen die Produktivität eines Klebebinders aufrechterhalten oder gar gesteigert werden kann.»
«Die Betriebssicherheit ist das A und O»
Kaum einer weiss das besser als Alfred Mühlbauer. Der Branchenkenner mit jahrzehntelanger Berufserfahrung ist Leiter Weiterverarbeitung bei Appl im bayerischen Freising, wo ausschliesslich klebegebundene Produkte gefertigt werden. Diese werden im 120 Kilometer entfernten Hauptstandort in Wemding gedruckt, wo neben Beilagen auch fadengeheftete Soft- und Hardcover-Bücher produziert werden.
«Die Betriebssicherheit ist mit Blick auf die bei uns gefertigten Zeitschriften und Magazine, die on time in die Briefkästen der Abonnenten und an die Kioske gehen müssen, aber auch für Kataloge, das A und O in unserem Geschäft. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Aufträge optimal planen können», sagt der Appl-Prokurist.
Aus diesem Grund machte es laut Alfred Mühlbauer «mit Blick auf die Zukunftssicherheit Sinn, unsere dritte Corona-C15-Linie einem Retrofit zu unterziehen – zumal mir die Thematik mit der Abkündigung der B&R-Steuerung bekannt war.» Nach einem ersten Anstoss von Frank Skorna, Gebietsverkäufer von Müller Martini Deutschland, lud Appl Stefan Kocher und Stefan Schwartz, After-Sales-Verantwortlicher bei Müller Martini Deutschland, zu einer Bestandsaufnahme ein. Die beiden zeigten auf, was ihrer Ansicht nach aufgefrischt werden musste, und die Appl-Geschäftsleitung gab umgehend grünes Licht für das Retrofit-Programm.

Von rechts: Manuel Zierer (stellvertretender Abteilungsleiter für die Verfügbarkeit der Appl-Maschinen und der -Werkstatt), Alfred Mühlbauer (Prokurist/Leiter Weiterverarbeitung Appl), Stefan Schwartz (After-Sales-Verantwortlicher Müller Martini Deutschland) und Peter Bauer (Techniker Müller Martini Deutschland) vor dem jüngsten Corona C15 bei Appl.
«Alles lief super – wie aus einem Guss»
Im Brennpunkt stand der 2018 in Betrieb genommene, auf dem Secondhand-Markt gekaufte und nach all den Jahren immer noch zuverlässig laufende dritte Corona C15. «Dabei war für uns von Anfang an klar», betont Manuel Zierer, als stellvertretender Abteilungsleiter für die Verfügbarkeit der Maschinen und der Werkstatt verantwortlich, «dass wir die gesamte Linie erneuern. Denn fällt ein Bauteil aus, steht ja die ganze Anlage still.»
So wurden gestaffelt erst am Kernbinder das Bedienpanel, dann am Dreischneider Orbit ebenfalls das Bedienpanel und schliesslich bei der Zusammentragmaschine 3697 das Bedienpanel sowie der Hauptrechner ersetzt. Der Austausch erfolgte jeweils prophylaktisch. Alle vier ersetzten Elemente an den drei Maschinen funktionierten zwar noch – aber eben: man weiss ja nie. Ein zusätzlicher Vorteil: Die an den jüngsten Maschinen ersetzten Bedienpanels können als Backup verwendet und oder in Maschinen des gleichen Typs mit älterem Jahrgang eingebaut werden.
Während Müller Martini schon mehrfach Bedienpanels von Corona ausgewechselt hatte, waren die Zusammentragmaschine und der Orbit bei Appl Initialprojekte. Mit anderen Worten: Der Bedienpanel-Ersatz bei der ZTM 3697 und beim Dreischneider war für Müller Martini eine Premiere. Und diese fiel zur vollen Zufriedenheit des Kunden aus. «Alles lief super – wie aus einem Guss und vor allem auch im Rahmen der vorgesehenen Zeitspanne von einer Woche», sagt Manuel Zierer.
Mindestens zehn weitere Jahre
Und um wie viele Jahre hat Appl nun die Lebensdauer seiner dritten Corona-C15-Linie verlängert? Alfred Mühlbauer hat darauf eine humoristische und eine seriöse Antwort auf Lager. Zuerst die spassige: «Ich hoffe auf mindestens drei weitere Jahre, denn dann gehe ich in Ruhestand…» Und nun die ernste: «Ich gehe davon aus, dass der Klebebinder noch mindestens zehn weitere Jahre laufen wird. Denn erstens ist Müller Martini bekannt für die hohe Qualität der Bauweise seiner Maschinen und deren Langlebigkeit. Und zweitens haben wir ein grosses internes Knowhow über unsere Anlagen.»
Nächste Frage: Wie wirken sich die neuen Bedienpanels auf die Produktion aus? Manuel Zierer beantwortet sie zweigleisig. «Es war nie unsere Absicht, mit den Retrofits eine Leistungssteigerung zu erreichen, sondern die Betriebssicherheit stand stets im Vordergrund. Aber: Die Arbeit für unsere Maschinenführer ist zweifellos einfacher und komfortabler geworden – nicht zuletzt auch dank der exzellenten Instruktion durch den Müller Martini-Techniker Peter Bauer, der auch die Retrofits vorgenommen hat.»

Peter Bauer ersetzte auch ein Zenith-Bedienpanel und warf bei dieser Gelegenheit gleich einen Blick in den Dreischneider der zweiten Corona-C15-Linie von Appl.
Nicht nur Retrofit – auch Check der gesamten Linie
A propos Peter Bauer: Er ersetzte bei der aus dem Jahr 2006 stammenden zweiten Corona-C15-Linie von Appl auch das Bedienpanel des Dreischneiders Zenith – und zwar ebenfalls als Initialprojekt und auch zur vollen Zufriedenheit des Kunden.
Keine Zweifel lässt er jedoch offen, «dass sich das Retrofit unseres jüngsten Klebebinders gerechnet hat – da muss ich nicht lange überlegen. Und es kommt ja noch ein weiterer Aspekt dazu: Während des Retrofits nahm Peter Bauer einen groben Check der gesamten Linie vor. Ich bin froh, dass da einer eine ganze Woche lang seinen Kopf hineingesteckt hat…»
Hohe Flexibilität dank unterschiedlicher Konfiguration
Auf seinen drei Corona-Klebebindelinien produziert Appl unter anderem Zeitschriften, Magazine und Kataloge – vor allem für Kunden in Deutschland, England und der Schweiz.
Das Familienunternehmen wurde 1899 gegründet und wird heute in vierter Generation von Markus Appl geführt. Am Standort Freising in Bayern beschäftigt das Unternehmen rund 80 Mitarbeitende. Ein besonderes Produkt ist bei Appl nach wie vor das Telefonbuch. Trotz Digitalisierung ist die Nachfrage noch vorhanden: Im vergangenen Jahr stellte Appl rund 60 Millionen Exemplare her – bei Auflagen zwischen 20.000 und einer Million Stück pro Auftrag.
A propos Auflagen: In all den Jahren wurden auf den drei Corona C15 weit über eine Milliarde Produkte gefertigt. Für seine Kunden ist Appl laut Manuel Zierer deshalb besonders attraktiv, «weil die drei Linien unterschiedlich konfiguriert sind. So haben die beiden älteren Linien ein Vor- und Hauptleimwerk, was einen super-klaren Leimauftrag und damit eine höhere Haltbarkeit der Printprodukte ermöglicht. Die Linie 2 verfügt zudem über eine Trennsäge und einen Frontschneider Frontero für die wirtschaftliche Produktion von Klappenbroschuren in einem einzigen Durchgang. So sind wir sehr flexibel.»
Zwar sanken die Auflagen in den vergangenen Jahren auch bei Appl kontinuierlich, und der Trend lässt sich gemäss Alfred Mühlbauer auch nicht mehr umdrehen. «Was sich im Verlauf der Zeit nicht geändert hat, sind die Kundenerfordernisse bezüglich attraktiven Produkten, hoher Qualität und knapper Zeitfenster. Diesbezüglich ist unser Unternehmen bestens aufgestellt.»
Erfahren Sie auf der Website von Müller Martini mehr über das umfangreiche MMServices-Programm.